Wenn die Kinder schlafen und der Ferienabend endlich dir gehört
Halb zehn. Die Zähne sind geputzt, die dritte Wasserflasche steht am Bett, das große Kind liest noch mit Taschenlampe unter der Decke. Dann wird es still. In vielen Familien beginnt genau jetzt der Teil des Ferientages, über den kaum jemand spricht. Zwei, drei Stunden, die den Erwachsenen gehören.

Diese Stunden entscheiden mehr über deine Ferienbilanz, als du vielleicht denkst. Eine repräsentative Befragung von 1.000 Familien, die das Institut INNOFACT im April 2026 für die R+V Versicherung durchgeführt hat, zeigt ein hartes Bild. 80 Prozent der Eltern mit Kindern unter 18 Jahren fühlen sich im Alltag mental belastet, 27 Prozent davon sehr stark. 78 Prozent haben das Gefühl, ständig an alles denken zu müssen, bei den Müttern sind es 89 Prozent. Ferien schalten diese Dauerschleife nicht automatisch ab. Sie verschieben sie nur an einen anderen Ort, an dem zusätzlich die Frage im Raum steht, ob heute jemand glücklich war.
Der Abend füllt sich dann meist von allein. Bei den einen läuft eine Serie, bei anderen liegt ein Krimi auf dem Nachttisch, wieder andere scrollen durch Spiele-Apps, in denen mit Gratisrunden geworben wird, oft mit Formulierungen wie 100 Freispiele ohne Einzahlung sofort erhältlich . Nichts davon ist per se falsch. Nur wirkt eben nicht jede dieser Beschäftigungen gleich, und das lässt sich inzwischen ziemlich genau beschreiben.
Warum der Ferienabend anders funktioniert als ein normaler Feierabend
Im Alltag ist der Abend das Ende einer Trennung. Arbeit hier, Zuhause dort, dazwischen ein Weg, der den Kopf umschaltet. In den Ferien fällt diese Trennung weg. Betreuung, Programm, Küche und Streit um Bildschirmzeit laufen von morgens bis abends im selben Raum, oft in einer fremden Wohnung mit fremder Kaffeemaschine.
Die Folge kennen Forschende unter dem Begriff Leisure Sickness. Für eine Studie der IU Internationalen Hochschule wurden Anfang 2025 gut 2.000 Erwerbstätige zwischen 16 und 65 Jahren befragt. 71,9 Prozent gaben an, an freien Tagen oder im Urlaub schon einmal das Gefühl gehabt zu haben, krank zu werden oder erschöpft zu sein. Rund jeder Fünfte erlebt das regelmäßig. Am häufigsten genannt wurden Müdigkeit, Schlafprobleme, Gereiztheit und Kopfschmerzen.
Wer mit Kindern verreist oder zuhause bleibt, hat dazu noch eine Besonderheit. Die Ferien sind für die Kinder Erholung und für die Eltern Arbeitszeit mit anderen Aufgaben. Beides passiert parallel. Der Abend ist der einzige Moment am Tag, in dem sich das entkoppeln lässt.
Was einen Abend wirklich erholsam macht
In der Erholungsforschung gibt es ein Modell, das erstaunlich gut in den Familienalltag passt. Die Psychologen David Newman, Louis Tay und Ed Diener beschrieben 2014 sechs Bedingungen, unter denen Freizeit tatsächlich regeneriert. Abgekürzt wird das als DRAMMA-Modell. Beschrieben werden dort Qualitäten, die eine Tätigkeit mitbringen kann. Welche Tätigkeit es ist, spielt eine untergeordnete Rolle.
- Abschalten: Der Kopf beschäftigt sich mit etwas anderem als mit Pflichten, Terminen und Sorgen.
- Entspannung: Der Körper kommt runter, Puls und Anspannung sinken.
- Autonomie: Du entscheidest selbst, was passiert, ohne Absprache und ohne Kompromiss.
- Kompetenz: Du machst etwas, in dem du besser wirst, und merkst das auch.
- Sinn: Die Tätigkeit fühlt sich für dich bedeutsam an, nicht nur als Zeitvertreib.
- Verbundenheit: Du hast Kontakt zu Menschen, die dir etwas bedeuten.
Ein Abend muss längst nicht alle sechs Punkte erfüllen. Zwei bis drei reichen meist völlig. Interessant wird es bei der ehrlichen Bestandsaufnahme. Zwei Stunden Doomscrolling erfüllen keinen einzigen. Eine Stunde Serie mit dem Partner deckt Entspannung und Verbundenheit ab. Ein Kapitel im Buch bringt Abschalten und Autonomie. Ein Handyspiel, das dich fordert, trifft Kompetenz und Entspannung, solange es nicht in Frust kippt.
Autonomie ist dabei der Punkt, der Eltern in den Ferien am häufigsten fehlt. Den ganzen Tag richtet sich der Ablauf nach Kinderbedürfnissen, Wetter, Öffnungszeiten und Mittagsschlaf. Wenn abends dann noch ausgehandelt wird, was gemeinsam geschaut wird, bleibt von Selbstbestimmung wenig übrig. Manchmal ist die erholsamste Entscheidung des Tages die, dass zwei Erwachsene in unterschiedlichen Zimmern unterschiedliche Dinge tun.
Beim Bildschirm entscheidet der Zeitpunkt
Digitale Freizeit hat in Ratgebern einen schlechten Ruf, den die Forschung so nicht bestätigt. Der Kommunikationswissenschaftler Leonard Reinecke hat in seiner Untersuchung „Games and Recovery" gezeigt, dass Spiele gezielt zur Stimmungsregulation genutzt werden und ein echtes Erholungspotenzial haben, gerade nach anstrengenden Tagen. Das gilt für die Runde Puzzle-App genauso wie für zwei Stunden am großen Bildschirm.
Kritisch wird die Sache mit der Uhrzeit und mit dem Ort. Eine norwegische Untersuchung mit 45.202 jungen Erwachsenen, veröffentlicht Ende März 2025 in Frontiers in Psychiatry, kommt zu einem klaren Ergebnis. Eine Stunde Bildschirmnutzung im Bett erhöhte das Risiko für Schlaflosigkeit um 59 Prozent und verkürzte die Schlafzeit um durchschnittlich 24 Minuten. Bemerkenswert daran ist ein Detail, das viele überrascht. Es machte kaum einen Unterschied, ob die Zeit mit Social Media, Serien, Spielen oder Podcasts verbracht wurde. Entscheidend war die Gesamtdauer im Bett.
Für den Ferienabend heißt das etwas sehr Praktisches. Der Bildschirm auf dem Sofa um 21 Uhr ist etwas anderes als der Bildschirm im Bett um 23:40 Uhr. Wer die Aktivität nicht ändern will, verschiebt einfach den Ort.
Dazu kommt ein Effekt, den fast alle Eltern kennen und trotzdem jedes Jahr wieder unterschätzen. Nach einem vollen Tag fühlt sich die eigene Zeit so knapp an, dass man sie unbedingt ausdehnen möchte. Psychologen nennen das Bedtime Procrastination, das absichtliche Hinauszögern des Schlafengehens. Dahinter steckt der Versuch, sich ein Stück Tag zurückzuholen, das tagsüber niemand hergegeben hat. Mit Willensstärke hat das wenig zu tun. Wer das erkennt, kommt leichter davon los, indem er sich die Autonomie früher am Abend holt statt um Mitternacht.
Drei Dinge, die den Ferienabend regelmäßig zerlegen
Das Erste ist das Planungsgespräch. Kaum sind die Kinder im Bett, liegt das Tablet auf dem Tisch und die Frage im Raum, was man morgen macht, ob das Wetter hält, ob die Bergbahn Ruhetag hat. Zwanzig Minuten später ist die Stimmung dünn und niemand hat sich erholt. Verleg dieses Gespräch auf den späten Nachmittag, wenn die Kinder ohnehin an einem Eis oder einem Bildschirm hängen. Der Abend bleibt dann frei von Organisation.
Das Zweite ist die halbe Aufmerksamkeit. Serie läuft, Handy in der Hand, nebenbei die Fotos vom Tag sortieren. Der Kopf springt zwischen drei Reizen hin und her und kommt bei keinem an. In der Erholungsforschung ist genau dieses Abschalten der stärkste einzelne Faktor, und es funktioniert nur mit einer Sache gleichzeitig.
Das Dritte ist die unsichtbare Hausarbeit. In einer Ferienwohnung fällt sie nicht weg, sie sieht nur anders aus. Sand im Bad, nasse Handtücher, das Frühstück für morgen. Wenn du diese Aufgaben in einen festen Block direkt nach dem Abendessen legst, bleibt der Rest des Abends sauber. Alles, was danach noch auffällt, hat bis zum nächsten Morgen Zeit.
Eine Aufteilung, die im Ferienalltag hält
Paare, die sich die Abende bewusst aufteilen, berichten seltener von dem Gefühl, nach den Ferien mehr Erholung zu brauchen als vorher. Die Aufteilung muss dafür einfach genug sein, um sie auch am fünften Regentag durchzuhalten.
- Ein Abend pro Woche gehört jedem allein: Keine gemeinsame Serie, keine Absprache, keine Rücksicht. Wer will, geht raus, wer will, bleibt auf dem Balkon sitzen.
- Ein Abend gehört euch beiden: Ohne Handy auf dem Tisch, ohne Planungsgespräch über morgen. Organisatorisches bekommt einen eigenen Slot am Nachmittag.
- Die übrigen Abende bleiben offen: Kein Programm, keine Erwartung, auch mal um 21:30 Uhr ins Bett.
- Eine feste Uhrzeit markiert das Ende: Sie funktioniert als Erinnerung daran, dass der nächste Tag um kurz nach sechs beginnt, wenn das kleinere Kind wach wird.
Alleinerziehende haben diese Wahl nicht in gleicher Weise. Für sie zählt umso mehr, dass der Abend nicht komplett in Aufräumen und Vorbereiten aufgeht. Zwanzig Minuten Küche, dann Feierabend, auch wenn die Spülmaschine noch halb voll steht.
Was von den Ferien nach der Rückkehr übrig bleibt
Die Erholungsforscherin Carmen Binnewies hat mehrfach darauf hingewiesen, dass die Wirkung eines Urlaubs erstaunlich kurz anhält. Nach spätestens drei Wochen ist das Stresslevel häufig wieder auf dem Ausgangswert, manchmal schon nach einer einzigen Arbeitswoche. In der Forschung heißt dieses Abklingen Fade-out-Effekt.
Das klingt entmutigend, ist es aber nicht. Wer weiß, dass der Effekt verpufft, hört auf, alles auf zwei große Wochen im Jahr zu setzen. Die Abende, an denen wirklich abgeschaltet wurde, wirken kürzer, dafür lassen sie sich das ganze Jahr über wiederholen. Ein ruhiger Dienstagabend im November ist derselbe Mechanismus in klein.
Praktisch bedeutet das für die letzten Ferientage zweierlei. Lass zwischen Rückreise und Arbeitsbeginn mindestens einen Puffertag liegen. Nimm dir außerdem eine einzige Sache aus den Ferienabenden mit, die im Alltag weiterläuft. Das kann das Buch sein, das du angefangen hast, oder der Podcast auf dem Heimweg, oder der Beschluss, dass der Sonntagabend niemandem sonst gehört.
Wenn die Kinder älter werden, verschiebt sich der Abend
Mit Grundschulkindern beginnt der Elternabend um halb neun. Mit Teenagern verschwindet dieser klare Schnitt. Die Kinder sind länger wach, sitzen im Nebenzimmer, wollen um 22 Uhr plötzlich reden, und genau dann ist Zuhören wichtiger als das eigene Programm.
Familien mit älteren Kindern verlegen ihre Erholungsinseln deshalb oft in den Tag. Eine Stunde am Vormittag, während die Jugendlichen ausschlafen, funktioniert häufig besser als der späte Abend. In Ferienwohnungen mit Balkon ist das die Zeit, in der es tatsächlich ruhig ist.
Bei Teenagern lohnt sich ein zweiter Blick auf die Abendgestaltung der ganzen Familie. Zwei Menschen im selben Raum, jeder mit Kopfhörern und eigenem Bildschirm, sind kein Familienabend, auch wenn es so aussieht. Ein gemeinsames Spiel, eine Folge, die alle sehen wollen, oder eine Stunde am Wasser wirken anders, weil Verbundenheit dazukommt. Für dich ist das trotzdem kein Ersatz für die eigene Zeit. Beides braucht in den Ferien seinen Platz, und der eine Teil ersetzt den anderen nicht.
Die Grenze zwischen Erwachsenenabend und Familienabend verschwimmt in dieser Phase ohnehin. Das ist selten ein Problem, solange sie irgendwo existiert. Wenn du nach zwei Wochen nicht sagen kannst, wann du zuletzt eine Stunde nur für dich hattest, hat sie sich aufgelöst.
Was in allen Altersstufen gleich bleibt, ist der Unterschied zwischen Zeit, die übrig bleibt, und Zeit, die reserviert wurde. Übrig gebliebene Zeit wird von Wäsche, Buchungen und dem Blick ins Postfach gefressen. Reservierte Zeit hält stand. Sie muss dafür nicht lang sein. Sie muss nur dir gehören.





